Letzte Änderung am 03.03.2011
The Tumbling Dice
«Ich hätte nie gedacht, dass das so ausartet.»
Von Pamela Dörhöfer
Frankfurter Rundschau vom 19.8.1998

Manfred Herrmann

„Tumbling Dice” war in den 70ern äußerst erfolgreich – Ansonsten: „Nichts los in Hanau”. „Die 70er Jahre waren der kulturelle Tiefpunkt”, erinnert sich Manny Herrmann, Sänger von „Tumbling Dice” an jene Zeit, die den berühmt-berüchtigten Button „Nichts los in Hanau” hervorgebracht hat.

HANAU – Die einst blühende Musiklandschaft der 50er und 60er hatte sich binnen weniger Jahre in eine öde Wüste verwandelt. Die legendären Bars waren verschwunden oder zu schmuddeligen Rotlichtschuppen verkommen. Neue Lokale hatten nicht aufgemacht und so fehlten den Bands, so es in Hanau überhaupt noch welche gab, jegliche Auftrittsmöglichkeiten. Ein kurzes Aufbegehren kam ausgerechnet aus Mittelbuchen, dem dörflichsten Stadtteil Hanaus. Dort eröffnete Helmut Stichel in einem alten Fachwerkhaus unter dem Namen „Krone” eine Musikkneipe. „Das war ein beliebter Treffpunkt für junge Intellektuelle und Leute, die gerne gute Musik hörten”, erzählt Herrmann, „viele Bands aus dem gesamten Frankfurter Raum haben dort gespielt.”

Doch der „Krone” war nur eine kurze Blütezeit beschieden; am Ende fiel sie anderen Plänen zum Opfer das Haus wurde abgerissen. Etwas hat die „Krone” allerdings hinterlassen: „dass der Verfall des kulturellen Lebens überhaupt einmal von der Presse aufgegriffen wurde”, wie Manny Herrmann erklärt: „Und dass sich eine Szene herausgebildet hat, die sich dafür einsetzte, wieder etwas in Hanau zu entwickeln.” Bis das Engagement erste Früchte trug, sollte es indessen noch eine lange Zeit dauern.

Auch Manny Herrmann hat mit „Tumbling Dice” einmal in der Krone gespielt. Die Blues-Rock-Formation war neben „Orange Peel” die erfolgreichste Hanauer Band in den 70ern und eine der wenigen die bundesweit bekannt geworden sind. Wer sie hören wollte, musste allerdings die Grenzen der Stadt verlassen. Denn in Hanau haben „Tumbling Dice” nur ganze zwei Mal gespielt: ein Auftritt in der „Krone”, einer in der Stadthalle.

Ihre Karriere hat die Band Anfang der 70er Jahre dann auch nicht in Hanau, sondern in Frankfurt gestartet. Ihr erstes Konzert in der Mainmetropole gaben „Tumbling Dice” im „Birdland”, ihr zweites im „Sinkkasten”. „Die Bude war gerammelt voll”, erinnert sich Herrmann, „400 Leute haben sogar noch auf der Straße gestanden. Die Show war gut, und in allen Zeitungen bekamen wir tolle Kritiken.” Von da an ging es für „Tumbling Dice” rapide bergauf. Dem „Sinkkasten” blieben die Musiker treu: Mindestens dreimal im Jahr hat die Band fortan dort gespielt.

„Tumbling Dice” waren so erfolgreich, dass die Mitglieder von der Musik leben konnten. Manny Herrmann, der seine ersten Erfahrungen als 16jähriger in einer Großauheimer Combo sammelte, hat die Band 1971 zusammen mit Bassist Louis Hölzinger gegründet. Anfangs hat die fünfköpfige Formation vor allem Rhythm & Blues-Songs von Chuck Berry & Co. gespielt, später vorwiegend eigene Kompositionen. Bald schon erfüllten „Tumbling Dice” sämtliche Klischees vom wüsten Musikerleben. Exzesse aller Art fanden Mitte der 70er Jahre ihren Höhepunkt, als der Gitarrist der Band vollgepumpt mit Drogen tot in seinem Jaguar aufgefunden wurde. „Das war ein Wendepunkt für uns, mit gewissen Dingen aufzuhören. Da wussten wir, dass wir es nicht mehr so weit treiben durften”, sagt Herrmann.

1978/1979 hatte die Band ihren Zenit erreicht, als sie die LP „Midnight Roses” aufnahm. „Ich habe es genossen, diese Platte zu machen”, schwärmt der Sänger noch heute, „das war der größte Spaß, den ich hatte.” Nie, sagt er, hätte er geglaubt, „dass das einmal so ausartet mit dem Erfolg. Irgendwie habe ich anfangs nur geglaubt, wir spielen halt ein bisschen.”

Anfang der 80er war die große Zeit von „Tumbling Dice” dann jedoch vorbei. Herrmann macht dafür vor allem den „musikalischen Umbruch” dieser Jahre verantwortlich, als neue Bands wie „Police” mit ihrem Sound den Trend bestimmten. Heute fährt der „Tumbling Dice”-Sänger Taxi und macht nur noch gelegentlich Musik. Viel hat er in seinen wilden Jahren gesehen von der Welt und ist doch in Hanau hängengeblieben. Für den heute 44jährigen kein Widerspruch: „Hanau ist so ein Mittelding zwischen verschlafenem Kuhkaff und hektischer Metropole”, findet er, „hier lässt es sich gut leben.”